“Wer will ich gern sein?“ oder „Von wem will ich gern abstammen?”

Bei einem Urlaubsaufenthalt lernte ich den „Herrn des Hauses“ kennen.

Ich erzählte, dem „frisch gebackenen“ Guthausbesitzer und Unternehmer, dass ich in seinem Ferienquartier zum Schreiben sei. Ich sei dabei meine biografischen Wurzeln und meine Geschichte aufzuschreiben. Und er antwortete mir, dass er das bereits auch für seine Biografie getan habe. Es sei ein sehr dickes Buch geworden und es reiche bis ins 16. Jahrhundert zurück. Mit einem Grinsen erzählte er mir weiter, er habe immer gehofft, dass sich unter seinen Vorfahren wenigstens ein Graf befunden hätte, doch leider wären es nur Henker gewesen – Schafs-Henker. Und obwohl er dabei lächelte, spürte ich die Trauer, dass er nicht von einem Grafen abstammte.

Es bleibt die Sehnsucht
Und es zeigte sich, dass er trotz allem was er erreicht hatte und seinem echt erarbeiteten Reichtum, innere Wünsche und Sehnsüchte, welche man nicht im Geschäft kaufen kann hatte. Und mein spontanen Vorschlag, er könnte sich den Titel, “Graf” doch kaufen, lehnte er ab. Er wäre gern ein gebürtiger Graf.

Alle Menschen wollen immer gern Gutsherrin oder Gutsherr gewesen sein und nie der Bettler oder die Magd

Wieviele träumen von uns, sie würden aus feinem Hause abstammen. Kaum einer will von einfachen Leuten abstammen. Unsere Vorfahren sollen gefälligst die Herren und Damen des Hauses, die Könige und großen Krieger gewesen sein, einflussreich, berühmt, beneidet – so dass etwas Glanz heute noch auf uns herabfiele. Und wir denken, nur durch die schwierigen Zeiten seien diese reichen Leute, unsere Vorfahren, verarmt und vergessen. Arme, einfache Leute will niemand als Vorfahren haben.

Brauchen wir etwas wonach wir streben? Brauchen wir biografische Vorbilder?

Arbeiten wir dafür, wieder den Glanz zu erhalten, der vermeintlich seit Generationen zu uns gehört? Und entschuldigen wir uns, wenn wir es noch nicht soweit in diesem Leben geschafft haben. Die nächste Generation wird es dann erreichen. Soweit der Traum!
Ist es das, was uns antreibt? Oft unbewusst, tief im Inneren vergraben hat wahrscheinlich jeder eine Sehnsucht, WER zu sein, nur oft Bitte nicht das was man wirklich heute ist!

Wo kommen unsere Vorbilder bei Frauenbiografien her?

Und noch eine Frage drängt sich mir auf. Da wir Frauen in früheren Zeiten selten die offiziellen Herrinnen gewesen sein konnten, wem eifern wir heute nach?

Kann mann/frau aus dem Familiensystem einfach so aussteigen

Können wir aus unseren Geschichten der Vorfahren aussteigen und etwas ganz Neues kreieren? Systemisch gedacht, ist das ein echt schwieriges Unterfangen. Wie oft habe ich in der Beratung Menschen, die darunter leiden, dass sie es gewagt haben einen neuen eigenen Weg, einen Bildungsweg, außerhalb der Familien-Grenzen zu gehen. Sie und besonders Frauen werden dafür eher missachtet und ausgegrenzt,  als geschätzt. Das Familiengefüge fordert oft „Bleib wie du bist, ansonsten wirst du verstoßen.“

Bewahren der Errungenschaften

Es braucht sehr viel Zeit bis sich die Verhältnisse und die Sichtweisen ändern, manchmal braucht es ganze Generationen und es ist leider nicht sicher, dass sich die Ordnungen zu Gunsten rückwärts gewandter Machtinteressen sich wieder zum Nachteil, besonders von Frauen, verschieben.